Elbe: Wasser, Strand und Kinder

Wasser, Strand und Kinder – das muß eine magische Anziehung haben. Meine Kindheit habe ich meistens “hinter” dem Deich in Brokdorf am Wasser erlebt. Morgens aus dem Haus, über’n Deich, zu den Essenszeiten oftmals nach Hause (Uhr hatte ich ja noch nicht) und auch abends nach langer Weltreise kam ich nicht immer pünktlich nach Hause … (was dann auch von den Eltern entsprechend “honoriert” wurde). Die Schule hat dann zumindstens die Vormittage verdorben – aber da konnte man nichts machen. Die war Pflichtprogramm.

Was mich dabei am meisten erstaunt ist die Tatsache, daß ich Sache durfte, die ich meinen Kindern nur sehr schwer erlauben würde. Unbeaufsichtigt am Deich spielen, über die Steine flitzen, die Stacks bei Flut rauslaufen oder einfach kilometerweit von zu Hause weg hintern Deich auf Reise gehen. Eine Vorstellung, die mir heute als Elternteil erhöhtes Herzklopfen bringen würde – zumal mir schon als Kind erzählt wurde, daß es auch Kinder gab, die an den Schleusen ertrunken sind.

Aber die Faszination Wasser bleibt erhalten. Die Sehnsucht nach dem Strand, dem Wind aus Westen, den Gezeiten und den Schiffen – der Elbe. Auch das Nachschauen an den Reusen, ob wieder Aale gefangen wurden.

Ich habe mir die anderen großen Flüsse angeschaut, aber keine dieser Flüsse hat das gleiche Flair wie die Elbe unterhalb von Hamburg.

Wenn man am Strand wohnt, dann ist eines der beliebtesten Spiele das Bauen von Deichen. Die Gezeiten konnte man ja in der Zeitung nachlesen. Bei auflaufendem Wasser (man will ja fair sein), mit Schaufel und Eimer bewaffnet ging es an den Strand und dann wurden immer bessere und größere Deiche gebaut. Mal mit Steinen befestigt (die richtigen Deiche haben ja auch Steine), mal mit anderen Techniken gepusht – aber fast immer gegen das Wasser verloren. Aber egal, ein Meter zurück und wieder von vorne anfangen. Zeitloses und sinnloses (:-)) Spiel.

Aber es gibt auch Erinnerungen, die man nicht vergisst …

An einem nebligen Tag spielte man wieder am Strand. Man konnte die Fahrrinne nicht sehen, aber ein Schiff konnte man hören – es gab kein Wind, es war Hochwasser und das Wasser war ruhig. Aber wie aus dem nichts gab es riesige Wellen – Wellen, die ich danach nie mehr an der Elbe erlebt hatte.

Oder der Tag, an dem die Queen Elizabeth 2 angekündigt wurde. Das ganze Dorf war stundenlang auf dem Deich – tolle Stimmung, tolles Wetter. Etwas ähnliches habe ich erst Jahre später bei der Ankunft der QE2 auf der Elbe erlebt.

Und natürlich 1976 – dem Jahr der bislang höchste Sturmflut, die man an der Nordsee erlebt hat. Ich stahl mich aus dem Haus und wollte unbedingt ansehen, wie das nun “hinter” dem Deich aussah – während einer richtigen Sturmflut.

Es wehte ein starker Westorkan, aber die 100 Meter zum Deich empfand ich lediglich als windig. Direkt hinter dem Deich am Deichfuss ist es bei so einer Witterung sehr ruhig. Der Wind nimmt hier nicht mehr alle Geräusche weg, sondern man kann hier eben die sonst nicht zu hörenden Geräusche hören – die Sturmflut nämlich. Diese hörte sich als Donnern an und man hörte, wie immer wieder die Wellen gegen den Deich geworfen werden.

Wenn man den Deich dann hochgeht, kommt der Wind langsam zurück und knapp unter der Deichkrone erreicht einen plötzlich der Wind.

Das was ich sah, blieb mir immer in Erinnerung. Ein Wasserstand, der nur 2 Meter unter der Deichkrone stand. Eine Elbe, die so riesengroß wirkte und bis zum Horizont ging und Wellen erzeugte, deren Gischt regelmäßig über die Deichkrone ging und der so geliebte Weststurm, der das Wasser knallhart ins Gesicht schlagen ließ. Das war die andere Seite der Elbe – eine Seite, die ich nur ein einziges Mal in dieser gewaltigen Form sah und von der ich mich lieber fernhalte. Ich konnte nur wenige Minuten dort bleiben, der Wind war so stark, dass man es auf dem Deich kaum aushalten konnte und ich mich am Griff des Aufgangs festhalten musste.

Tage danach war die Elbe natürlic sehr interessant. Das Reht lag bis knapp unter der Deichkrone und interessante Sachen wurden angespült.

Meine Eltern waren in der Nacht nicht auf dem Deich. Ein Verlassen des Dorfes oder des Hauses stand sowieso nicht auf dem Program. Der Deich hält, er hat immer gehalten und er wird auch dieses mal halten. Er hielt, so wie er auch 1962 hielt – aber hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich, daß es ein Glück war, das die Deiche an anderer Stelle brachen – und dann der Spruch: “Wenn das Wasser kommt, dann kommt es von hinten”. Gemeint war die Überlegung, dass erst das tiefergelegende Hinterland im Falle eines Deichbruches vollläuft und dann erst wieder zurück an den Deich kommt – zumindestens, wenn der Deich nicht direkt vor einem bricht sondern einige Kilometer entfernt.

Als der Eiserne Vorhang zerbrach, nutzte ich die Gelegenheit und fuhr ins Quellgebiet der Elbe – zumindestens nun wollte ich doch die Gelegenheit nutzen, um über die Elbe zu springen.

This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s